Ein Beitrag zur grünen Heimatforschung

Was will der Habeck denn jetzt schon wieder? Patriotismus, Heimat!? Wie soll man damit Politik machen? Da laufen uns doch die Anhänger in Scharen davon, wenn wir jetzt den Steinbachs dieser Welt begrifflich auf den Leim gehen.

Wirklich?

Schon einmal sind uns die WählerInnen und AnhängerInnen in Scharen davon gelaufen, weil wir die Wirkungsmacht eines Begriffes falsch eingestuft hatten. "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter!" hieß unsere trotzig-aufklärerische Parole im Bundestagswahlkampf 1990. Mitten in der allgemeinen nationalen Besoffenheit der Wiedervereinigung wollten wir provokativ auf ein Problem hinweisen, welches uns viel wichtiger erschien. Das war witzig, klug und durchaus vorausschauend. Denn der Wiedervereinigungstaumel verflog schnell, als sich die blühenden Landschaften partout nicht einstellen wollten, die menschgemachten Klimaveränderungen bedrücken uns heute mehr denn je.

Aber dennoch: wir lagen voll daneben, flogen mit Pauken und Trompeten als Grüne aus dem ersten gesamtdeutschen Bundestag heraus, der doch so wichtige Weichenentscheidungen treffen sollte. So kann es gehen, wenn man einen Begriff und ein Problem "rechts liegen lässt". Eine mit klugen Aussagen geführte Debatte über die Möglichkeiten einer wiedervereinigten deutschen Identität, in der ein linker und grüner Lebensentwurf durchaus aufgehoben gewesen wäre, hätte uns dieses Desaster möglicherweise erspart.

Dass wir von der parlamentarischen Bildfläche verschwinden, weil wir uns als heimatlose GesellInnen verstehen, droht zur Zeit natürlich nicht. Habeck will aber an den Grenzen unserer grünen Nischenexistenz rütteln und dies durch die Neuberwertung von Begriffen, die von den Rechten und Konservativen gepachtet scheinen und allzu oft in die falsche Richtung schillern. Er will damit einen Ausfall versuchen aus der Wagenburg unseres angestammten Milieus. Das ist spannend, intellektuell anspruchsvoll und mindestens genau so nützlich wie emsiges Abarbeiten an einem Gesetzesentwurf über die Änderung des Sparkassengesetzes oder an einer Stellungnahme zum Landesentwicklungsplan (letzteres führt uns übrigens schon ziemlich nah an das Problem Heimat heran).

Schon die ersten Reaktionen in der Öffentlichkeit und besonders im konservativen Lager beweisen, dass ein Nerv getroffen wurde. Die Irritation dort könnte kaum größer sein; schon dies ist ein erster Erfolg.

Wir müssen aber dem fatalen Eindruck entgegenwirken, wir wollten uns mit der Entdeckung von Patriotismus und Heimat nur beim konservativen Lager hoffähig machen. Die Debatte muss also inhaltlich aufgefüllt werden, damit eine Umwertung in unserem Sinne tatsächlich fruchtbar wird, gerade in der Auseinandersetzung mit dem Konservativismus.

Ich muss allerdings gestehen dass mir in diesem Zusammenhang der Begriff des 'Patriotismus' viel suspekter erscheint als der Begriff 'Heimat'.  Ist er doch allzu sehr mit Volk, Staat, Nation, mit Aus- und Abgrenzung und männlichem Kampfessinn aufgeladen. Ich sehe vor mir das historische Bild des vielbeschworenen Citoyen mit Kokarde und Flinte, wie er schnurstracks von der Pariser Barrikade nach Russland in sein Verderben rennt. Der Patriot hat einfach zu viel Testosteron im Blut!

Schon Jürgen Habermas und Dolf Sternberger haben versucht, den Patriotismus von links aus zu retten, indem sie ihn zum Verfassungspatriotismus machten, ihn also ablösten von seiner völkisch-ethnischen Konnotation hin zu einer egalitär-republikanischen und weltbürgerlichen Identität. Mehr kann in unserem Sinne am Begriff des Patriotismus eigentlich nicht mehr geerbt werden.

Viel spannender erscheint mir die Heimat:  Heimat meint Weicheres, Weibliches, zielt auf Nähe und Geborgenheit, bezeichnet etwas im Wärmestrom der gesellschaftlichen Analyse. Bedeutet dies, dass die Rede von Heimat nur Glück im stillen Winkel meinen kann, provinzielle Beschränktheit und unpolitische Zurückgezogenheit fördert?

Fest steht, ein erheblicher Teil unserer täglichen kommunalpolitischen Praxis dreht sich von je her um Naturschutz, Klimaschutz, Landschaftsschutz, Denkmalschutz, um behutsame Erschließungs- und Gestaltungssatzungen, um Abwehr von Flächenfraß und Zersiedelung und gegen Landschaftszerschneidung durch Straßenbau. Auch unsere Kritik an der sog. Gentrifizierung im städtischen Raum liegt durchaus auf dieser Linie.

Letztlich geht es uns dabei doch häufig um die Erhaltung eines Zustandes in unserer näheren Umgebung, der uns alles andere als egal ist, für den wir viel Zeit, politisches Geschick und Herzblut einsetzen. Dabei kämpfen wir uns häufig mit Akteuren im konservativen Lager ab, die sich in ihren Sonntagsreden zwar ständig als die Wahrer der Interessen der Heimat aufspielen, in ihren Planungen und Taten aber praktisch für eine Verödung, Uniformierung und Entwertung unserer Lebensumgebung sorgen.

Wie schräg die Argumentationslinien dabei verlaufen können, erlebte ich im Rahmen einer öffentlichen Diskussion um die Kreisgebietsreform, in der ich unter ca. 100 Menschen im Saal mich als Grüner outend als einziger für eine Zusammenlegung von Kreisen in Schleswig-Holstein aussprach. Natürlich warf man mir Verrat an der herzogtum-lauenburgischen Heimat vor ! Als hätten die vielfach nach dem 2. Weltkrieg willkürlich gezogenen Kreisgrenzen und die Erhaltung eines Landrates inklusive Autokennzeichen irgendetwas mit Heimat zu tun. So sinnentleert hantiert der politische Gegner mit dem Begriff Heimat.

Was soll uns also daran hindern, unsere aktiven politischen Bemühungen um die Erhaltung eines uns als angemessen, menschen- und naturverträglichen, letztlich liebenswerten Zustandes in unserer unmittelbaren Umgebung als Kampf um "Heimat" zu bezeichnen?

Dies hätte doch den unbestreitbaren Vorteil, viele Menschen, die ein diffus unzufriedenes, aber eher resignativ-lethargisches Verhältnis zur Verödung und Zerstörung ihres lokalen und sozialen Lebensraumes haben, leichter für unsere Aktivitäten gewinnen zu können. Denn die Befindlichkeit und die Gestaltung der unmittelbaren lokalen und sozialen  Umgebung ist ein überschaubarer Bezugsrahmen, in dem sich Menschen leichter aktiv einbringen können, weil sie ihn einerseits kennen und andererseits in der Regel wertschätzen. Nur hier kann für viele Menschen, gerade aus dem wertkonservativen Milieu, Politik praktisch und konkret werden. Warum sollen wir nicht versuchen, sie dort abzuholen und auch wegzuholen?

Alle, die meinen, Linke dürften nicht von Heimat reden, weil dieses Wort nicht in unser Vokabular passe, möchte ich an Ernst Bloch erinnern, den dreifach aus Deutschland vertriebenen linksradikalen Juden, der sein philosophisches Hauptwerk "Prinzip Hoffnung" mit folgenden Worten enden lässt: "Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sie erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Keine schlechte Gesellschaft für Grüne!

 

Burkhard Peters (Mitglied der Grünen Fraktion im Lauenburgischen Kreistag)

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